Der lange Weg zum Breitensport

Etappen und Perspektiven des organisierten Tennissports vor der Wende zum Jahr 2000

Der gesellschaftliche Bedeutungswandel in der bundesdeutschen Tennisgeschichte läßt sich anhand von Mitgliederstatistiken in zwei große Entwicklungsabschnitte unterteilen: Die bis zum Durchbruch des Wirtschaftswunders Ende der fünfziger Jahre wiedererlangte gesellschaftliche Exklusivität der Gründerära und der Ende der 60er Jahre beginnende Aufstieg zum populären Sport. Entgegen der verbreiteten Auffassung vollzog sich der größte Aufschwung nicht während des sogenannten "Becker-Booms" zwischen 1985 und 1989, sondern bereits in den siebziger Jahren, an deren Ende der DTB die größten Zuwachsraten aller deutschen Sportverbände verbuchen konnte. 

Die anhaltende Dominanz wohlhabender Gesellschaftskreise in den Vereinen des "weißen Sports" beruhte nicht allein auf dem altbekannten Prestigemotiv der sozialen Abgrenzung, sondern ebenso auf der fehlenden und viel zu spät einsetzenden Unterstützung durch öffentliche Fördermittel. 81 Die konservative Repräsentationsfunktion des Tennissports war, wie folgende Beispiele zeigen, nicht überall eine gerngesehene Entwicklung, sondern wurde früh als eine vermeidbare Folge der wirtschaftlichen Umstände bewertet. Davon unberührt entfaltete sich das Gesellschaftsleben der meisten Vereine wieder in den traditionellen Organisationsformen. Für die modebewußten Frauen der Oberschicht wurde die Mitgliedschaft in den Golf- und Tennisvereinen wieder zu einem Muß. Im Sportbund Rheinland hatte der Tennisverband mit drei viertel Anteilen die höchste weibliche Beteiligung aller angeschlossenen Fachverbände.82 Veranstaltungen wie die Faschingsbälle mit der Casinogesellschaft, Tanzkurse für Ehepaare oder die ersten gemeinsamen Autoreisen in den Süden traten gegenüber sportlichen Ambitionen in den Vordergrund.83  Die von den meisten Vereinen allein schon wegen der hohen Anlagen- und Ausrüstungskosten unvermeidbar hohen Eintritts- und Beitragsgelder hielten die gesellschaftliche Barriere weiter aufrecht.84 Vorstand und Mitgliedschaft setzten sich demzufolge vorwiegend aus angesehenen Persönlichkeiten wie dem Großkaufmann Alex Rautenstrauch (Tennisgesellschaft Trier 1888) oder dem Immobilienmakler Paul Roller (Tennisvereinigung Trier 1913) zusammen.85 

Diese gesellschaftliche Abgrenzung durchbrach der TC Speyer als einer der ersten Vereine: er warb seit 1949 Nachwuchs aus allen sozialen Schichten, verpflichtete seine Turnierspieler, wöchentlich eine halbe Stunde mit seinen Anfängern kostenlos zu trainieren, lud 1950 und 1951 alle Schüler zum Eintritt ein und verzichtete bald darauf auch formell, daß man als neues Mitglied die bis dahin übliche Bürgschaftserklärungen zweier Mitglieder vorlegen mußte.86 Die Erweiterung ihres Sozialprofils wurde bald zum erklärten Ziel weiterer Vereine. Der aus Ärzten und hohen Beamten zusammengesetzte Vorstand des TC Waldesch verankerte 1968 in seiner Gründungssatzung die Zweckbestimmung, daß "der Verein ausschließlich die Förderung des Tennissports als Volkssport" anstrebe.87 Wenn es die Mittel erlaubten, versuchten die Vereine die Schwerpunktverlagerung auf den Sport durch Verpflichtung von Honorartrainern, die Aufstellung von Ballwänden und die Intensivierung des Wettkampfbetriebes zu realisieren.88 Seit Mitte der sechziger Jahre verzeichneten der Tennisverband Rheinland-Pfalz-Saar einen kontinuierlichen Mitgliederzuwachs.89 Als der DTB 1977 unter dem Motto "Tennis für alle" einen bundesweiten Rahmenkatalog für den Bau neuer Tennisplätze forderte, belegte der dünn besiedelte Flächenstaat Rheinland-Pfalz mit einem Bevölkerungsanteil von 5,9 % aktiver Tennisspieler in der Länderstatistik den dritten Platz.90 Dieses beachtliche Ergebnis bestätigt neuere Untersuchungen, wonach sich die Tennissportler seit den frühen Achtziger Jahren zunehmend in kleineren Landvereinen organisierten, während die älteren Stadtvereine langfristig Mitglieder einbüßten. 91 Zu dieser frühen Entwicklung haben in Rheinland-Pfalz offenbar viele Fußballer beigetragen,92 die nach dem Überschreiten ihres Leistungszenits heute und in der Zukunft als sogenannte "Späteinsteiger" eine bevorzugte Zielgruppe für die breitensportliche Ausrichtung des Tennissports darstellen.93 1972 konterten der Vorsitzende des Germersheimer Tennisclubs, Heinrich Scherer, die Vorbehalte gegen den vermeintlichen Exklusivsport mit der selbstbewußten Feststellung: "Tennis ist heute ein Volkssport geworden." Aufgrund der Trendwendung durfte sich der Klubvorsitzende bereits die Vision vom Modesport der aufsteigenden Mittelschicht vorstellen. Sechs Jahre später befanden sich in seinem Tennisclub nur noch "10% Selbständige. Den weitaus größten Teil" der Mitglieder, so die Festschrift, stellten die "Arbeitnehmer, Hausfrauen und Kinder."94

Als einer der ersten Landesverbände erkannte der rheinland-pfälzische Fachverband sehr früh die Notwendigkeit adäquater Reformen. Im Frühjahr 1973 eröffnete der Vorsitzende Dr. Helmut Steigleiter in der Speyerer Stadthalle unter dem Motto "Tennis für alle" eine über zwölf Städte gelaufene Informationsreihe.95 Eine richtungsweisende Modelmaßnahme zur Unterstützung der Vereine war die Einrichtung einer Ausbildung zum "Tennistrainer mit dem Schwerpunkt Freizeit" und später eine besondere Ausbildung von Sportlehrern zu Tennistrainern (1987-1988).96 Die alle Sozial- und Altersgruppen umfassende Breitensportbewegung, in der das Wettkampfmotiv auch zukünftig dominiert,97 ermunterte eine wachsende Anzahl von Tennisvereinen zu innovativen Erweiterungen ihrer Organisationsstruktur. Die wegen der inflationären Preisentwicklung im Profitennis die Vereine langfristig vor die Existenzfrage stellende Koordinierungsproblematik zwischen dem Spitzen- und dem Breitensport98 brachte einige vielversprechenden Lösungsansätze auf den Weg. 

Ein erster war die Ausweitung der Wettspielabteilungen auf alle Altersgruppen: angefangen von den "Bambino-" über die Schüler- und Jugend- bis hin zu den im Abstand von fünf Jahren gestaffelten Jungsenioren- und Seniorenmannschaften. Wegen seiner erfolgreichen Nachwuchswerbung ist hier der Andernacher TC besonders hervorzuheben, während in den Seniorenklassen Vereine wie Bad Ems und Montabaur die stärksten Mitgliederanteile erzielten.99 Die gegen die seit Mitte der neunziger Jahre rückläufige Mitgliederentwicklung im DTB100 teilweise sogar deutlichen Zugewinne einiger rheinland-pfälzischer Vereine (wie u.a. TC Grün-Weiss Bingen, TC Koblenz und TC Blau-Weiss BASF-Ludwigshafen)101 berechtigen zu der Hoffnung, daß auch die Kooperation mit privaten Sponsoren und den Betreibern kommerzieller "Sportsparks" dem organisierten Tennissport günstige Zukunftsperspektiven eröffnen. Einen weitere Mitgliedergewinnung verspricht sich der Verband auch von der Initiative "Tennis 2000", die seit 1997 durchgeführt wird, den fortlaufenden Kooperationen zwischen Schule und Verein (in 1998 bereits 88) und bei den jüngsten Jahrgängen mit dem für Rheinland-Pfalz spezifischen Wettbewerb des "Mainzelmännchen-Cup".