Der Weg zum Breitensport

Etappen und Perspektiven im rheinland-pfälzischen Tennisverband 1945-1999

Wiederaufbau in Trümmern


Statistische Angaben beziffern den Grad der Kriegszerstörungen in den rheinland-pfälzischen Städten auf durchschnittlich 50 %, teilweise auf bis zu 80%, in Koblenz sogar auf 98 %.1 Unter dem Bombenhagel der Luftangriffe hatte Trier große Teile seiner Denkmäler, die Hälfte seiner Wohngebäude bzw. 41% seines gesamten Gebäudebestandes eingebüßt.2 In Koblenz waren allein bei dem ersten großen Fliegerangriff vom 22. April 1944 4000 Bewohner obdachlos geworden.3 Nach den Brückensprengungen durch die heranrückenden Amerikaner herrschten in den flußseitigen Landgemeinden so katastrophale Verkehrsbedingungen, daß, wie in Bernkastel, die traditionellen Fährverbindungen wieder aufgenommen werden mußten.4 Bei Bad Kreuznach errichteten die Amerikaner im März 1945 unter freiem Himmel ein Lager für 166 000 deutsche Kriegsgefangene, in dem infolge von Hunger, Nässe, Kälte und mangelnder medizinischer Versorgung in den ersten beiden Monaten 1200 Menschen starben.5 Aufgrund der schlechten Verkehrsverbindungen blieb die Lebensmittelversorgung selbst in Städten ländlicher Einzugsgebiete das größte Problem. Die in Bad Ems 1946 an besonders bedürftige Kinder ausgegebene Schulspeisung, bestehend aus 30 Gramm Haferflockenmilchbrei, mußte 1947 wieder eingestellt werden. Manche Kinder gingen erst gar nicht zur Schule, "weil sie keine brauchbaren Schuhe besaßen".6 

Die anhaltend schlechten Lebensbedingungen besserten sich erst allmählich nach der Währungsreform (20. Juni 1948) und der Gründung der Bundesrepublik Deutschland (Grundgesetz vom 23.Mai 1949).7

Von den mit heutigen Vorstellungen kaum faßbaren Alltagsbedingungen jener Jahre schildern die Monatsberichte der Verwaltunsbehörden in Koblenz bemerkenswerte Einzelheiten. Der stetig wachsende Strom der Kriegsheimkehrer gestaltete die Lage auf dem Wohnungsmarkte trotz der begonnenen Baumaßnahmen von Tag zu Tag schwieriger. Anfang August 1948 waren fast 10% der Koblenzer Stadtbevölkerung als wohnungssuchend gemeldet. Darunter befanden sich 4068 Familien. Als lebensgefährlich und "die Gesundheit der Menschen auf das höchste gefährdend' bewertete der Oberbürgermeister die Wohnsituation in den über 50% beschädigten Häusern. Zum angegebenen Zeitpunkt wohnten 1200 Personen "in Notunterkünften (Kellern, Gartenlauben und Baracken, umgebauten Kasernenanlagen und dem ehemaligen Festungswerke)".8 Nicht weniger drückend wurde die Situation an den Schulen empfunden. Im Sommer 1948 waren immer noch sämtliche Berufsschulgebäude durch Kriegseinwirkungen zerstört. An den übrigen Schulen waren "grosse Mängel an den Klosettanlagen und an den Schulhöfen und ihren Umfriedungen festzustellen." Unter den vordringlichen Maßnahmen wurde die Instandsetzung der Heizungen, die Beschaffung von Öfen und die Herbeischaffung des nötigen Winterbrandes aufgeführt. Die mangelhafte Ernährung verringerte die Leistungsfähigkeit von Schülern und Lehrern. Viele Kinder schwänzten die Schule wegen Bettelns und Hamsterns. Die von privaten Sorgen geplagten, dabei meistens noch dazu erkrankten Lehrer verrichteten den Unterricht mit einer "allgemeinen Freudlosigkeit". In den kaltfeuchten, durch die Zusammenlegung ganzer Klassen beengten Schulräumen saßen die Kinder zusammengedrängt und verbreiteten eine krankhafte Unruhe und Nervosität. Die von den Lehrern mit den Schülern unter solchen Umständen zu leistende Arbeit erforderte, so der Schulbericht vom Juli 1948, "eine übernormale Energie", verbunden mit einem überaus "starken Verschleiß", zu dem "die fettlose Ernährung in einem sehr geringen Verhältnis steht". Nicht nur wegen dieser äußeren Umstände müßten "alle in normalen Zeiten anzuwendenden Erziehungsmittel versagen". Das Ende der Diktatur habe "bei einem Grossteil der Schüler...jeden Autoritätsbegriff verschwinden" lassen. Daß der Direktor dem Kollegium der Hildaschule verordnen ließ, "ihre privaten Sorgen im Unterricht abzustreifen und ihren Hunger zu vergessen", konnten die betroffenen Lehrer nur als mißlungenen Scherz auffassen.9

Ungeachtet der durch die Unterernährung stark eingeschränkten körperlichen Leistungsfähigkeit unterrichteten einige Schulen seit August 1948 wieder Sport, allerdings nur von Zeit zu Zeit und nur in geringem Umfang. Von einem regelmäßigen Sportunterricht konnte auch nach seiner Wiedereinführung als ordentliches Schulfach im Winterschuljahr 1948/49 nicht die Rede sein, da es noch "vor allem an geeigneten Turnhallen und Turngeräten für die Wintermonate fehlte".10 Ähnliche Voraussetzungen herrschten in anderen Städten wie in Mainz, wo "keine einzige brauchbare Schulsporthalle" mehr existierte.11 

In Anbetracht ihrer "Kaloriensorgen" hatten die Sportler noch kaum Gelegenheit und noch weniger Energie für anstrengende Trainingsaktivitäten als für die Instandsetzung der zerstörten Sportanlagen und die Wiederbelebung des in den letzten Kriegsjahren nahezu völlig erloschenen Vereinslebens.12