Göttinnen, Tillergirls und "Wutzer"

Tennis für alle. Die "goldenen" Zwanziger Jahre 

Was sich in den Spätjahren des Kaiserreiches andeutete, verwirklichten die sogenannten "goldenen Zwanziger" Jahre: Tennis wurde zum Sport. Am Ende der Weimarer Republik zählte der DTB 1017 Vereine mit 120 000 Mitgliedern, also etwa 10 mal so viel wie zu Beginn des Krieges. Die sprunghafte Vermehrung der Vereine, deren Zahl sich zwischen 1919 bis 1925 verdreifachte und bis 1932 nochmals verdoppelte,1 spiegelte die Ausdifferenzierung der Weimarer Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf den gesamten Sport.2 Mit den bürgerlichen Turn- und Sportvereinen konkurrierten neue Arbeiter-, Betriebs- und Jugendsportvereine. Der Staat intensivierte seine Sportförderung, weil er darin die beste Möglichkeit zur Kompensation seines Entmilitarisierungsstatus durch den Versailler Vertrag sah. Besondere Aufmerksamkeit schenkte er dabei dem Sport in der französischen Besatzungszone. In Städten wie  Trier unterstützte er großzügig den Ausbau der Sportanlagen.3 Dennoch konnten eine ganze Reihe der Tennisvereine nicht sofort der Aufforderung des DTB vom 5. Juli 1919 nachkommen, den "Wiederaufbau ungesäumt und mit aller Kraft" zu "beginnen."4 Zu den erdrückenden finanziellen und materiellen Bedingungen der Inflation mußten sich die Vereine mit den Schikanen der französischen Truppenkommandeure auseinandersetzen, die ihren Offizieren die willkürliche Benutzung ihrer Tennisplätze erlaubten. Am härtesten betroffen waren Mainz, Speyer und Trier, deren Spielplätze eine Handvoll Offiziere im Februar 1920, teilweise ohne vorherige Absprachen, für ihre privaten Spiele belegten.5 Die Proteste der auf ihren eigenen Anlagen von fremden Spielern verdrängten Vereine scheiterten an der starren Haltung des Besatzungsgenerals, der seine Auffassung in einem Schreiben vom 3. Juni 1920 unmißverständlich darlegte:

 "Da das Tennisspiel als Sport auf dem Sportprogramm des Kriegsministeriums festgesetzt ist, ist es notwendig, daß Tennisplätze der Sportleitung der Garnison zur Verfügung gestellt werden, um die Eintrainierung der Mannschaften des Korps vorzunehmen."6

Diese Situation wurde zur ersten Bewährungsprobe für den Trierer Stadtverband für Leibesübungen (SLÜ) Trier, der ersten lokalen Sportbehörde, deren Gründung als Ortsgruppe des DEUTSCHEN REICHSBUNDES FÜR LEIBESÜBUNGEN (DRL) im April 1920 datierte. Auftragsgemäß sollte er die Interessen seiner angeschlossenen Sportvereine gegenüber dem Staat und den lokalen Verwaltungsorganen vertreten. Unter anderem beim Ausbau der Sportstätten, die nach dem DRL geforderten "Reichsspielplatzgesetz" für 3000 Einwohner mindestens einen Sportplatz vorsah.7 In ihrem SLÜ-Vertreter Wilhelm Rautenstrauch, dem ersten bedeutenden Trierer Sportfunktionär,8 fanden die beiden Trierer Tennisvereine einen geeigneten Interessenvertreter. Rautenstrauch, zugleich Vorstandsmitglied der Tennisgesellschaft, protestierte erstmals am 11. März 1920 gegen die Fremdbenutzung der auf seinem Privatgrundstück in der Egbertstraße gelegenen Tennisplätze, wobei er der Militärbehörde bereits eine Alternativlösung in Aussicht stellte. Seitens der Stadt sehe er grundsätzliche Bereitschaft, nach weiterer Absprache besondere Spielplätze für die Garnison einzurichten. Bis dahin könnten die Offiziere weiterhin auf einem Platz seiner Zweifeld-Anlage in der Egbertstraße spielen. Eine Woche später (18. März 1920) unterbreitete Rautenstrauch der Stadt und der Militärbehörde den Vorschlag, in Anwendung von Paragraph 8 des Rheinlandabkommens "auf Reichskosten für das dienstliche Tennisspiel der Besatzer" neue Tennisplätze anlegen zu lassen. Der damit gleich einverstandene französische Militärdelegierte Rousseau forderte darauf am 24. März den Bau von drei Tennisplätzen unter der Bedingung, daß "das Spielgelände nicht zu weit vom Zentrum der Stadt entfernt, in der Nähe der Straßenbahn und genügend abgeschlossen und abgedeckt" sein müsse. Während die Stadt noch Rautenstrauchs Vorschlag debattierte, drohte der Besatzungskommandeur bereits am 3.April 1920 mit der ersatzlosen Beschlagnahmung der Vereinsplätze in der Egbertstraße. Nur drei Tage später beschloß der Bauausschuß im Stadtrat nach heftiger Diskussion, auf dem von der Stadt gepachteten Hofgut D`ham eine "bisher als Gemüseland bebaute Wiesenfläche in einer Tiefe von 70 m" für den Bau einer Dreifeld-Anlage mit Eingangstor und Sichtschutz abzutreten. In Anbetracht der erwarteten hohen Baukosten erwäge sie allerdings, "es auf eine Requisition ankommen zu lassen." Doch billigte der Finanzausschuß am 10. April den Vorschlag Rautenstrauchs, auf Reichskosten "Tennisplätze für die Besatzung" zu bauen. Auf weitere Fürsprache von Oberbürgermeister Bruchhausen vereinbarte die Stadt daraufhin mit dem Reichsvermögensamt die Pachtung der neuen Tennisanlage auf dem Hofgut D`ham, die bis zum Abzug der Franzosen 1930 mit Hilfe weiterer Reichsmittel auf insgesamt 15 Felder ausgebaut wurde.9

Auch wenn einige Vereine erst einige Jahre später wieder das Nutzrecht ihrer Plätze zurückerhielten,10 tat dies ihrer Tennisbegeisterung doch keinerlei Abbruch – im Gegenteil: wenn die eigenen Plätze noch nicht bespielbar waren, besuchten sie eben den Nachbarverein.11 Die aus jenen Jahren erhaltenen Bilder reflektieren den starken Drang zum Wettkampf. Die Frauen besonders, die jetzt im modischen Girl-look12 zum Spiel kommen, in kurzem Trägerkleid und mit Stirnbändern um den Bubikopf, manchmal sogar ohne Strümpfe in ihren Tennisschuhen. Das neue Modebewußtsein stand im Einklang mit der gestiegenen Leistungsambition auf dem Tennisplatz, wie ihre ausladend dynamischen Bewegungen zeigen. Ihre stärksten Vorbilder waren Starspielerinnen wie die als "Göttin" verehrte Französin Suzanne Lenglen (1899-1938), sechsmal Wimbledonsiegerin, Cilly Aussem (1909-1963) und Hilde Sperling-Krahwinkel, die beiden deutschen Wimbledonfinalistinnen von 1932.13 

Die Impulswirkung der Mode für das sportlichere Tennisspiel ist auf den Fotos ebenso bei den Männern zu erkennen, von denen nur noch wenige im Anzug mit Stehkragen, Hut und Krawatte antraten. Wie der TC Wildbad Traben-Trarbach änderten viele Vereine ihre Satzung dahingehend, daß "nur noch in Tennisschuhen gespielt werden" durfte.14 Selbst die Gesellschaftsfeiern gewannen an Sportivität, da immer häufiger auch moderne Programmteile wie "flotte Revuetänze" von "Tiller-Girls" dargeboten wurden.15

Die allgemeine Leistungsmotivation der Tennisspieler steigerte sich nach dem Aufstieg der Deutschen unter die stärksten Tennisnationen. Gleich bei ihrer ersten Davispokalteilnahme nach dem Kriege erzielte die Daviscupmannschaft bei der erwarteten Niederlage gegen die USA (1:4) einen Überraschungserfolg, als Froitzenheim Hunter besiegte. Nach ihren wiederholten Siegen gegen England galt die Mannschaft Ende der Weimarer Republik als eine der stärksten in Europa.16 

Während der Besatzungszeit konzentrierten die Vereine ihre Wettkämpfe auf Freundschaftsspiele oder kleiner Turniere in ihrer näheren Umgebung.17 Unter den anhaltenden Reisebeschränkungen begann die Verbandsorganisation nur mit Verzögerung (Mittelrhein um 1928 und Westmark 1930), so daß die Vereine ihre Teilnahme bei größeren Turnieren zu Jahresanfang auf den sogenannten "Turnierbörsen" mit dem DTB vereinbaren mußten;18 um so erstaunlicher, daß schon in den ersten Jahren nach dem Krieg "ein weit intensiverer Spiel- und Turnierbetrieb" einsetzte.19 Die größten und bedeutendsten Turniere veranstaltete der von der Kurverwaltung durch wertvolle Preise unterstützte Hockey- und Tennisclub Bad Neuenahr. Höhepunkte waren die Mittelrheinischen Verbandsmeisterschaften 1928 und 1929 mit über 100 Spielern aus 16 Vereinen und die seit 1925 internationalen Turniere, zu denen die besten Spieler aus England, Japan, Holland, Österreich, Irland und Frankreich eingeladen wurden. Bei einem Ende August 1928 von dem DTB-Trainer geleiteten Nachwuchslehrgang sahen die Neuenahrer auch die angehende Wimbledonsiegerin Cilly Aussem, ein Jahr später ihre Finalgegnerin Hilde Krahwinkel.20 Gut besetzte Turniere, von denen der DTB in seinem Organ berichtete, stiegen auch in Bad Ems,21 Koblenz,22 Mainz23 und Trier.24

Der Trend zum Tennissport trieb die Absätze der Ballfirmen in die Höhe. 1923 rüstete CONTINENTAL (Hannover) seine bis dahin manuelle Herstellung um auf Fabrikproduktion; DUNLOP (Hanau) folgte 1927.25 Kaum ein Verein verzichtete mehr auf den Einsatz von Balljungen. Von den sechs Neustädter Balljungen wird berichtet, daß sie "von einem Ende des Platzes zum anderen hetzten " und "die verschlagenen Bälle virtuos als Aufsetzer wieder in die Hand des Tennisspielers zurückwarfen."26  Bezahlte Trainer, deren "solides fachliches Können" bekannt war, leiteten seit Mitte der zwanziger Jahre den Übungsbetrieb auf den Plätzen.27 Die Spieler und Spielerinnen trainierten und spielten "mit unermüdlicher Zähigkeit", daß sie zuweilen "wegen Erschöpfung aufgeben." mußten.28 Mit seinem "kampfbetonten Wulle-Wutz-Spiel ohne schlagtechnische Feinheiten" avancierte der Trierer Knopp zum besten Vereinsspieler. Wie es später heißt, war er seinen Gegnern durch seine beim "Fußball und Hockeyspielen" erworbene "Härte, Ausdauer und Schnelligkeit," überlegen.29

Die Hinwendung zum Leistungssport dominierte das Zusammenleben der Vereine immer stärker. Unmittelbar nach ihrer Gründung meldeten sich in der Tennisabteilung der IG Ludwigshafen bereits 67 Spieler zum Ausspielen einer internen Rangliste.30 In Berücksichtigung der neuen Sportambition hielten nur wenige Vereine noch an ihren früheren Standesbarrieren fest.31 Als eine Gruppe ehrgeiziger Jugendspieler die Aufnahme in den TC Rot Weiß Mainz beantragte, zögerte der Vorstand zunächst, da sie ihm für den geplanten Ausbau der Klubanlage "nicht kapitalkräftig" genug erschienen. Nachdem sie jedoch bei der Erschließung eines neuen Spielplatzes ihre tätige Mithilfe bewiesen hatten, stand ihrer Aufnahme nichts mehr im Wege. In der Folgezeit konnte es sogar vorkommen, daß "der eine oder andere finanziell schwache, wenn es nötig war, von der Mannschaft unterstützt wurde."32

Tennis war zum beliebten Sport aller Gesellschaftskreise geworden. Der DTB begrüßte diese Entwicklung ausdrücklich und wünschte sich ein harmonisches Miteinander von Breiten- und Hochleistungssport. Rückblickend auf das Spieljahr 1932-33 formulierte der DTB-Vorsitzende eine aus damaliger Sicht bemerkenswerte Perspektive:

"Neben der betonten Förderung einzelner Spieler wird aber stets eine der wichtigsten Aufgaben des Bundes die Hebung der allgemeinen Spielstärke in den eigentlichen Trägern des Sportgedankens, den Tennisclubs, und die gründliche Pflege des deutschen Tennis-Nachwuchses bleiben. Insofern sind auch die in der Öffentlichkeit wiederholt aufgetauchten Warnungen vor der Züchtung eines Startums im DTB. sicher in ihrem Werte erkannt und den drohenden Gefahren einer Überanstrengung einzelner Spieler durch allzu häufige Wettspiele nach Möglichkeit vorgebeugt worden."33