Mit Frühstücksbrettchen und Tarnnetzen

Improvisation, Idealismus und Eigenleistungen 

Sehr früh schon suchten die von dem Elend des Krieges bedrückten Menschen nach Formen der Zerstreuung, die sie ihre enormen Energieleistungen bei der täglichen Wiederaufbauarbeit 
leichter ertragen ließen. Sie fanden sie beim Sport und Spiel. Die Zeit des Warenmangels forderte von den Sportlern neben Idealismus die Gabe zur Improvisation.29 Diese bewiesen gerade die durch ihre teure Ausrüstung gegenüber anderen Sportlern wie Schwimmern oder Leichtathleten benachteiligen Tennisspieler. 

Im Mai 1946 zog eine Gruppe Andernacher Schüler auf den noch mit "Moos, Gras und Büschen" überwucherten Tennisplatz, wo sie mit einem "Frühstücksbrett" oder einem "mit unserer Laubsäge" gefertigtem "ähnlichen Gerät jede freie Minute" gegen ein Elektrohäuschen "bolzten und holzten", bis der "ehemalige Tennisball, der durch intensiven Gebrauch beim Fußballspiel aber auch kein Häärchen Filz mehr besaß, ganz braun und nackt aussah." Kurze Zeit später "schnitten und banden" sie ein "abgehalftertes Tarnnetz der US-Army" zu ihrem "ersten richtigen Tennisnetz zurecht." Als einer der Jungen im Sommer 1947 das Geschenk seines amerikanischen Onkels, "einen echten Tennisschläger mit Darmsaiten", mitbrachte, war dies eine richtige Sensation.30 Mehr Glück hatten die ersten Kriegsheimkehrer der Tennisvereinigung Trier, die "aus den Schuttmassen" neben alten Turnschuhen auch "noch ein paar Rahmen" und einige "vollkommen unversehrte Schläger" hatten "herausziehen" können, deren "Bespannung" angeblich noch "vor der Gründerzeit" stammte. Der Drang zum "Organisieren" überwand manchmal sogar die letzten persönlichen Hemmschwellen. So wurde einer der besten Trierer Spieler dabei beobachtet, wie er seinen Schläger "jedesmal" fast panikartig versteckte, wenn der rechtmäßige Besitzer nur "in die Nähe des Tennisplatzes" kam.31 Im Gegensatz zu den Andernacher Schülern waren die Spieler der Mainzer Tennis- und Skivereinigung mit den behelfsmäßigen amerikanischen Tarnnetzen nicht zufrieden, da die von Herrn Burger "aus faseriger Drahtkordel geknüpften Netze bald löchrig wurden."32 

Am schwierigsten war die Beschaffung der Tennisbälle, deren Fabrikproduktion mangels Rohstoffe erst nach der Währungsreform mit Verzögerung begann. Im August 1947 veröffentlichte der Sportbund Rheinland die Anzeige der Firma Continental Gummi Werke A.-G. Hannover vom 10. Juni 1947, die ihre geplante Jahresproduktion von 75 000 Bällen nicht hatte einhalten können, da ihr unter anderem noch die Fabrikationslizenz der Besatzungsbehörden fehlte.33 Die meisten Vereine mußten sich daher mit den völlig unzureichenden Ballrationen zufrieden geben, die ihnen von ihren Fachverbänden auf einen besonderen Antrag zugeteilt wurden. Anfang November beispielsweise verteilte der rheinische Tennisfachwart Walter Zimmer den Tennisvereinen in Idar, Trier, Kirchen (Sieg) und Bad Ems "je ein Dutzend Bälle" und dem TC Kreuznach zusätzlich ein halbes Dutzend für den Gewinn der Rheinlandmeisterschaft.34 Im Mainzer Tennis- und Skiklub erhielt jeder Spieler zwei Bälle – enorm viel für die Zeit bis 1948. Bis nach der Währungsreform blieb die "Ballfrage" das Hauptproblem der Vereine. Nur "wer Glück hatte, konnte Bälle aus geheimnisvollen Kanälen beziehen."35 In Andernach wurden die ersten fünf bis sechs Tennisbälle erst Anfang Mai 1949 an das Schuhhaus Müller geliefert, woraufhin jedes aktive Vereinsmitglied "2-3 Bälle gegen Quittung abgegeben" wurden.36 

Aufgrund solcher Ausrüstungsschwierigkeiten dachten viele Tennissportler an eine Vereinsgründung nicht vor dem Jahr der Währungsreform, als "die notwendigsten Sportartikel" allmählich wieder "zu beschaffen waren."37 Frühere Organisationsversuche scheiterten oftmals bereits an den fehlenden räumlichen Voraussetzungen für die Durchführung der ersten Versammlungen. Zu seinem ersten Treffen am 2. Dezember 1946 mietete der Tennis- und Skiklub Mainz den "behelfsmäßig ausgebauten Saal im Rad". Zum Einheizen des geräumigen Saales hatte Werner Busse "einen Zentner Kohlen gestiftet." Stand der Saal nicht zur Verfügung , "mußte man auf die Dörfer ausweichen," was mit Verkehrs- und Verpflegungsschwierigkeiten verbunden war, die jedoch durch den Einsatz ausgeliehener "Holzvergasern" und das Mitnehmen der Wegzehrung auf einfachste Weise gelöst wurden. Die Mitglieder halfen sich gegenseitig wo und wie sie konnten. Vor ihrem ersten Frühlingsfest in Mainz-Finthen teilten sie sich den Verzehr unter einander auf: eine/r besorgte den Kartoffelsalat, ein(e) andere(r) "20 Brötchen für die Kapelle" und ein(e) dritte(r) "200 Meter Papier für die Tischdecken."38 

Die Wiederinstandsetzung ihrer zerstörten Spielfelder und Klubhäuser schafften die allermeisten Vereine allein durch den freiwilligen Arbeitseinsatz, Spenden und Tauschgeschäfte ihrer Mitglieder. In Neustadt und Oberstein wurden die Baukosten durch den Verkauf von Bausteinen an die Mitglieder finanziert; in Speyer tauschten die Spieler "200 Zentner Sand gegen 50 Flaschen Wein" für die Renovierung ihrer Plätze.39  Aufgrund seiner emsigen Mitglieder, die "in ihrer Freizeit Bäume versetzten, Böschungen begradigten, Gräben für die Wasserleitung aushoben" und schließlich "die Betonverankerung für die Netzpfosten und die Umzäunung vorbereiteten," sparte der Park-Tennisclub Gründstadt 1962 bei der Neuanlegung von drei Spielfeldern rund 125 000 DM. Bis zur Fertigstellung des vierten Platzes im Juni 1964 investierte der Verein insgesamt 2 500 freiwillige Arbeitsstunden seiner Mitglieder.4