Vom Spiel zum Kampfsport – Tennis unter der nationalsozialistischen Herrschaft

Den Volkssport propagieren, ohne eigentlich zu fördern, dabei die Stars verhätscheln, um dann zu verjagen: gegenüber dem Tennis zeigte sich die Janusköpfigkeit der nationalsozialistischen Sportpolitik1 in aller Deutlichkeit. Länger als die anderen Sportverbände konnte der DTB auf seine organisatorische Selbständigkeit hoffen2, da die Erfolge der Daviscupmannschaft mit dem in die Weltspitze vordringenden Gottfried von Cramm ihm zunächst einen Sonderstatus bei den Machthabern einräumten. Die Hoffnung hielt bis nach den Olymischen Spielen, als die Gleichschaltung zum Fachamt im DRL vollzogen wurde. Der Weg dahin und die schleichende Umwandlung zum Kampf- und Wehrsport gehören zu einem der interessantesten Kapitel der Sportgeschichte.

Unmittelbar nach seiner Machtergreifung scheint sich das Regime noch wenig um die politische Prestigewirkung des Spitzensports gekümmert zu haben. Sonst hätte sie dem jüdischen Daviscupspieler Daniel Prenn nicht die Teilnahme am Daviscupspiel gegen Ägypten untersagt, wofür es sich weltweiter Proteste aussetzte, da Prenn anschließend nach England emigrierte, seine Karriere beendete und zu einem der ersten prominenten Opfer der Judenverfolgung wurde. Nach den Aufsehen erregenden Erfolgen mit der Daviscupmannschaft wurden die Spieler um den "Tennisbaron von Cramm" von den Nazigrößen wie Reichsfeldmarschall von Göring auf allen wichtigen Spielen begleitet. Vor dem entscheidenden Einzel im Daviscupfinale gegen die USA wünschte Hitler von Cramm durch einen Direktanruf in den Warteraum "viel Glück beim Spiel!"  Von Cramm verlor, wurde aber daraufhin von Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten mit einer Gruppe weiterer Spieler auf eine siebenmonatige Turnierreise nach Amerika und Japan geschickt. 3 Cramm gewann die USA-Meisterschaft und seinen Nimbus als "Tennisbaron"4, verlor aber das Vertrauen der Sportführung, die ihn unter dem Vorwand homosexueller Neigungen nach seiner Rückkehr 1938 verhaftete, weil er bei den Gesellschaftsempfängen bei seinen Ansprachen nicht die Grußpflicht gegen Staat und Führer beachtet hatte. Trotz weiterer Einzelerfolge wurde Cramm fortan nicht mehr in der Daviscupmannschaft aufgestellt, auch nicht mehr für Wimbledon gemeldet. Seine Karriere war frühzeitig beendet. 5

Wie sich von Cramm wegen seines weltweiten Erfolges vor innenpolitischen Anfeindungen sicher wähnte, so selbstbewußt vertrat der DTB seine Unabhängigkeit gegenüber dem DRL. Am 1. Januar 1935 betonte der DTB-Vorsitzende Wilhelm von Schomburgk, daß er auch nach seinem Anschluß an den DRL "seine Selbständigkeit behalten" und "seinen Ausbau kraftvoll fortsetzen" werde. Schon bei der vorjährigen Bundestagung stellte Schomburgk die Forderung, daß der "freiwillig ausgeübte Sport" eine "notwendige Ergänzung" zum Geländesport darstelle und daher "nicht kommandiert werden" könne. Auch seien "Schwierigkeiten im Verhältnis der Sportvereine zur SA und HJ" zu befürchten, da es "vielen Vereinen aufgrund von schwindenden Mitgliederzahlen" nur noch "schwer möglich" wäre, "ihren geordneten Betrieb aufrecht zu erhalten."6 Damit hatte sich der bereits als Kritiker des NS-Staates verdächtigte Schomburgk auf offenen Konfrontationskurs begeben. Noch liegen die Hintergründe seines Ausscheidens als DTB-Vorsitzender im Dunkeln. Wie es von Tschammer bei seiner offiziellen Verabschiedung am 1.10.1937 formulierte, hatte ihn der erst 55jährige v. Schomburgk selbst "infolge beruflicher Überlastung" um seine Entlassung gebeten. Zum Nachfolger ernannte Tschammer den Major Erich von Schönborn. Es bleibe vordringlichstes Anliegen, "den deutschen Tennissport in seiner breiten Entwicklung weiterhin zu fördern, ohne dadurch seine Spitzenleistungen zu verhindern."7 Die endgültige Gleichschaltung mit dem System folgte 1938 durch die Überführung der Fachsäule Tennis in den von der Partei kontrollierten NSRL. Der Sport war damit vollends zur politischen Aufgabe "im Sinne und Rahmen der NSDAP" geworden.8

In völligem Widerspruch zu ihrer vorgegebenen Zielsetzung, die Verbreitung des Tennissports voranzutreiben, bevorzugte die Sportführung andere Sportarten wie unter anderem den Schießsport. Nach einer offiziellen Sportstättenstatistik gab es 1938 im Deutschen Reich für je 700 Einwohner einen Turn- oder Sportplatz, während durchschnittlich 8000 Einwohner mit nur einem Tennisplatz auskommen mußten. Das Verhältnis verschlechterte sich in den kleineren Ländern deutlich, da sich ein Viertel der insgesamt 3019 Freiluftplätze auf die Großgemeinden verteilte. Noch stärker konzentrierten sich die 61 Tennishallen, von denen zwei Drittel in Großstädten gebaut waren.9 Die Konzentration der Tennisanlagen forcierte den Fusionstrend der kleinen Vereine, die sich die Miet- und Unterhaltungskosten ihrer Anlagen auf Dauer nicht mehr leisten konnten. In den Großstädten gewannen die größten Vereine wie der TC Rot-Weiß Fort Heiligkreuz oder die IG-Ludwigshafen immer mehr Mitglieder,10 während in kleineren Gemeinden wie in Merzig an der Saar die Vereine allmählich eingingen.11 Die Konzentration der Anlagen vergrößerte den Weg zum Training und die Anfahrt zum Spiel, was wiederum die Spiel- und Wettkampffreude beeinträchtigte. In seinem deprimierenden Jahresbericht von 1935 schreibt der Sportwart des Hockey- und Tennisklubs Koblenz: 

"Bei der geringen Mitgliederzahl ist es nicht möglich, die Abteilungen aufrecht zu erhalten, auch liegt der Platz in Moselweiß örtlich so unglücklich, daß neue Mitglieder schwer zu gewinnen sind. Um den berechtigten Klagen der spielstärkeren Mitglieder wegen Mangel an geeigneten Turniergegnern abzuhelfen, erklärt sich die Versammlung damit einverstanden, daß die Tennisabteilung für das Jahr 1935 geschlossen wird und die Mitglieder in den Tennisverein Koblenz überführt werden."

Dazu kam es dann doch nicht. Nach weiteren Abgängen mußte der Sportwart Ibertswar bei der Mitgliederversammlung vom 29.6.1937 berichten, daß es seit dem 1. Januar 1937 "nicht mehr möglich" gewesen sei, "auch nur ein Wettspiel durchzuführen," da er "weder eine Herren-, noch eine Damenmannschaft komplett aufstellen" könne. Er plädiere daher für die Auflösung des Klubs. In seinem anschließenden Bericht nennt der Vereinsführer einen weiteren Grund für die Auflösung: die Einziehung zum Arbeits- und Wehrdienst.12

Abb. 15    Balljungen marschieren vom Platz. Neustadt um 1936

Die durch den Arbeitsdienst und die HJ-Pflicht immer stärker zu militärischen Zwecken herangezogenen Spitzenspieler konnten ihren Propagandadienst als Vorbild deutscher Kampfkraft13 immer weniger erfüllen. 1937 begründete der Mittelrheinische Gausportwart den auffälligen Rückgang der Turniermeldungen damit, "daß dem Mittelrhein zur Zeit die wirklich guten Spieler und Spielerinnen in einer größeren Zahl fehlen." Wegen der zwangsläufig "geringeren Beteiligung" seiner Spitzenspieler an stark besetzten Turnieren mußte er seine Rangliste von den ursprünglich 48 auf nur noch 21 Nennungen reduzieren.14
Von der vermeintlich "straffen Wettkampforganisation" ließen sich die Mitglieder der großen Vereine, wo der Kreiswart weiterhin ein intensives Spielprogramm durchzog, blenden,15 zumal sie immer wieder Erfolge ihrer Spitzenspieler feiern konnten. In Anbetracht der zurückgehenden Konkurrenz verloren diese Erfolge langsam ihren sportlichen Wert. Um überhaupt noch eine Rangliste aufstellen zu können, erteilte der deutsche Tennisfachwart Henkel im Mai 1939 seinen besten Spielern ein Startverbot für "die regionalen Gau- und Kreismeisterschaften", weil ihm sonst die direkte Vergleichsgrundlage fehlte. Noch schlimmer war die Situation "bei den Frauen", wo "die Auswahl noch kleiner" geworden war.16 Die auf die Vereine in Grünstadt, Landau, Bad Kreuznach, Mainz, Ludwigshafen, Kaiserslautern, Speyer und Worms konzentrierten Spitzenspieler/Innen aus der rheinland-pfälzischen Region belegten erst in der Mittelrhein- und der Südwestrangliste Plazierungen, durchweg auf hinteren Rängen: 

- bei den Frauen die beiden Kaiserslauternerinnen Goerg (1934 Rang 9) und Schneider (1936 Platz vier), aus Ludwigshafen Schellenberg (1934 Rang 23) und Wild (1934 Rang 27), Grimm aus Mainz (1934 Platz 21), Reissner aus Bad-Kreuznach (1935 Rheinlandrangliste Platz 10) und die beiden Landauerinnen Weigand (12 Südwestrangliste 1934) und Schenk (1934 Südwestrangliste Platz 24);17 

- und in den Ranglisten der Männern die Kaiserslauterner Kaiser (1937 Nr. 7 Südwest) und Klotz (1934 Nr. 38/Südwest), aus Mainz Brinkmann (1934 Nr. 20 Südwest), Gassner (1936 Platz 14 Südwest) und Rühl (1934 Nr. 45 Südwest), aus Ludwigshafen Vater (I934 Platz 27 Südwest), Paul Werner aus Speyer (1934 Nr. 47 Südwest, 1938 Pfalzmeister im Doppel)18 und aus Worms Wolf (1934 Nr. 48 Südwest).

Unberücksichtigt aufgrund fehlender Turniernachweise blieben der bei einem internationalen Turnier in Mannheim erfolgreiche Grünstädter Heinz Lied,19 die beiden Pfalzmeister aus Ludwigshafen Fred Vater (1932 und 1933) und Helmut Jörger (1939 Pfalzmeister), 20 die mit ihrem Vereinskameraden Lied in Mannheim siegreiche Else Ruppert und die Frankenthaler Pfalzmeisterin Jansen.21

Eine Erwähnung verdient hier noch der erste Saarlandmeister von 1948, Sylvain Pollack (TC Blau-Weiß Saarbrücken), zwischen 1935 und 1939 zweifacher lothringischer Meister und bei dem Roland-Garos-Turnier in Paris vor 4000 Zuschauer Sieger der Trostrunde.22

In ihren Erinnerungen beurteilen die Vereinsmitglieder den Wettkampfbetrieb während der NS-Zeit sehr unterschiedlich. Unter der erwähnten straffen Organisation wurden in Frankenthal 1938 und 1939 "fast jeden Sonntag Freundschaftsspiele" ausgetragen.23
Der am 12. November 1933 gegründete TC Rot-Weiß Dillingen (Saarland) erlebte seine "sportliche Blütezeit zwischen 1933 und 1938", als regelmäßige Freundschaftsspiele gegen die Vereine in Neunkirchen, Trier, St. Wendel, St. Ingbert, Zweibrücken und Elversberg ausgetragen wurden.24 Die Intensität dieser Freundschaftskontakte freute die Aktiven, während die Kreis- und Gauwarte ein deutliches Zurückgehen der Kreis- und Gauwettkämpfe registrierten. Für die letzte Saison der Medenrunde vor Ausbruch des Krieges meldeten sich nur noch fünf Mannschaften aus dem rheinland-pfälzischen Gebiet,25 wo 1939 nur noch ein halbes Dutzend Turniere ausgetragen wurden.26 Das Ausbleiben starker Konkurrenz bedingt selbst in klassischen Turnierorten wie Bad Ems rückläufige Zuschauerzahlen.27 Zur Aufrechterhaltung des Spielbetriebes der Meden- und Poensgenrunden erließ die Kreisleitung den Spielern – wie in Mainz – ein Startverbot für die Stadtmeisterschaften. Auf Anweisung der Gausportführung wurden die Pfalzmeisterschaften in Kaiserslautern am 7. bis zum 9. Juli 1939 "unter Ausschluß der in der deutschen Rangliste aufgeführten oder als nichtqualifiziert genannten Spieler- und Spielerinnen" ausgetragen.28 Das in Bad-Kreuznach mit Unterstützung der Partei vom TC Blau-Weiß nach langen Jahren 1938 wieder ausgetragene Turnier degradierte zur politischen Propaganda, als der Kreisfachwart und Turnierleiter Otto Zimmer seine Schlußrede "mit einem Sieg Heil auf Adolf Hitler" beendete.29 

Die häufigsten und bestbesuchten Tennisveranstaltungen fanden in Bad Neuenahr, zugleich ständiger Austragungsort der mittelrheinischen Verbandsmeisterschaften, statt. 1935 meldeten sich zu dem Internationalen Turnier 200 Spieler, unter ihnen Spitzenspieler aus Deutschland und der "alte englische Kämpe Logie aus London."30 Immer nutzte die Partei den Menschenauflauf zur politischen Werbung, wie beim 6. Verbandsturnier vom 20.-22. Juli 1933, als der Neuenahrer Bürgermeister Meyer "eine Rede über den Sport im nationalsozialistischen Volksstaat" hielt.31 In Trier berichtete das Parteiorgan NATIONALBLATT ausführlich über die unter Mithilfe der beiden Tennisclubs seit 1935 und 1939 unter reger internationaler Beteiligung ausgetragenen Turniere. Clubführer Dr. Piro dankte dem Oberbürgermeister schriftlich für die Stiftung eines Ehrenpreises, nicht ohne den "deutschen Gruß und Heil Hitler."32

Im Rahmen der groß angelegten Sportpropaganda vor dem Volksvotum an der Saar33 warb der DTB für die "Vorführung des Saartreue-Films", einem einstündigen "Bild und Tonstreifen" über die vom 20.-26.06. von über hunderttausend Sportlern im Grenzgebiet gelaufene "Saartreue-Staffel."34 Zu dem Allgemeinen Tennisturnier in Worms vom 15.-17.06.1934 waren auf besondere Einladung von Vereinsführer Wassmuth 150 Spieler von der Saar angereist, darunter der "Saarbrücker Spitzenspieler Schmidt."35 Zum absoluten Höhepunkt der von völkischen Parolen politisch aufgeladenen Saarturniere jener Jahre36 wurde das Allgemeine Tennisturnier in Saarbrücken vom 13.-15. Juli 1934. In seinem ausführlichen Bericht betonte der DTB, 

daß "im Rahmen der sportlichen Propagandaveranstaltungen des Jahres 1934 im Saargebiet eine Kundgebung des Tennissports nicht fehlen durfte." 

Neben einer Spielerauswahl aus dem Rheinland und dem Südwestgau waren Spieler aus dem "benachbarten Baden" vertreten. Für die wohl größte Werbewirkung "für den deutschen Sportgedanken im Saargebiet" sorgte der DTB durch die Entsendung "einer repräsentativen Mannschaft", deren Spieler/Innen gerade von Wimbledon zurückkehrten.37 

Es ist anzunehmen, das der DTB auch den vom TC Grün-Weiß Saarbrücken 1935 mit einem Fassungsvermögen von 1500 Zuschauern errichteten "Meisterschaftsplatz" mitfinanzierte, wo noch im gleichen Jahr die Davis-Pokal-Begegnung gegen die Schweiz ausgetragen wurde.38

Über die durch die Gleichschaltung auf Druck der Partei veränderte Personalstruktur in den Vereinen und Verbänden fehlen noch immer gesicherte Aussagen. Grundvoraussetzung war die Mitgliedschaft in der Partei, möglichst in gehobener Führungsfunktion. Die Umbesetzung der Sportvereine und Sportverbände gewinnt damit historisches Interesse. Nach der Anpassung der Sportorganisation an die politische Reichsstruktur gehörte das rheinland-pfälzische Gebiet zu den beiden Gauen Mittelrhein und Südwest. Zusammen mit dem Rheingau führte Dr. Witte (Essen) den Gau Mittelrhein im Jahre 1934, Dr. Paul Grüder den Gau Südwest. Als Bezirksführer der beiden Mittelrheinbezirke Trier und Koblenz fungierte der Koblenzer Alexander Hasslacher. Pfälzischer Bezirksführer im Gau Südwest war 1934 der Kaiserslauterner Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Hoffmann,39 der jedoch kurz darauf von dem am 27.06.1896 geborenen Ludwigshafener Kaufmann Karl Messerschmidt abgelöst wurde, der nach seinen überlieferten Korrespondenzen sämtliche im "Sportführerring Ludwigshafen" zusammengeschlossenen Vereine kontrollierte, einschließlich der beiden Tennisclubs. Dazu dürfte ihm allerdings das fachliche Wissen gefehlt haben, da er dem Ludwigshafener Kanuclub (als Vereinsführer) angehörte.40 1938 ernannte die Reichssportführung mit dem Frankfurter Ferdinand Gosewisch einen ausgewiesenen Tennisfachmann zum südwestdeutschen Gauführer. Der damals um fünfzig Jahre alte Artilleriemajor der Reserve plazierte sich in der Deutschen Rangliste bis in die späten Jahre seiner aktiven Laufbahn (1936), in der er 600 Turniere und zwölfmal die Frankfurter Stadtmeisterschaft gewann.41 Die Einberufungen und häufigen Versetzungen nach Kriegsbeginn störten die mit aller Anstrengung zur Propaganda aufrecht erhaltene Sportorganisation, die nun einen häufigen Stellenwechsel verkraften mußte. Als Westmarkgauführer/Innen wirkten 1943 der Ludwigshafener Kurt Fox und Marianne Völk aus Speyer, eine noch bis in die fünfziger Jahre bekannte Tennisspielerin, und im Moselland Mathias Schaden und Käthe Sains aus Koblenz.42

Mit Hilfe dieser auf allen Organisationsebenen eingesetzten Sportbeauftragten verlängerte die Partei ihren Kontrollarm bis in die kleinsten Vereine. Die von vielen ehemaligen Sportlern rückblickend auf den ungeheuren "politischen Druck" zurückgeführten Eingriffe43 wurden von mindestens einem Gewährsmann im Vorstand mitgetragen. Nur wenige Ausnahmebeispiele bewiesen den unter den Tennisspielern vorhandenen Mut zum Widerstand: nachdem der DTB auf Anweisung des Reichssportführers die neu gefaßte Satzungsbestimmung über den Ausschluß von Juden veröffentlicht hatte, trat der Vorstand des Ludwigshafener IG-Tennisclubs "unverzüglich am 7.03.1933 zurück," weil er 3 Nichtarier unter seinen 228 Mitgliedern vermutete, deren Ausschließung er nicht verantworten wollte. Der daraufhin zum Vereinsführer ernannte Oberingenieur Eugen Kaiser sorgte dann in der von 18 "stimmberechtigten Mitgliedern" besuchten Generalversammlung vom 7. März 1933 für die Aufnahme des sogenannten "Arierparagraphens" in die Vereinssatzung.44 Die hier mit beispielloser Offenheit beschriebenen Vorgänge um die Ausschaltung nicht-arischer Mitglieder wurden von den meisten Vereinen einfach nicht erwähnt, von einzelnen Mitgliedern sogar als normaler Vorgang abgetan."45 Aus Speyer wurde immerhin berichtet, daß "die Befugnis zur Ausschließung eines Mitgliedes ...auch dem Reichssportführer zusteht."46 Von der praktischen Durchführung bis zur letzten Konsequenz erhält man nur aus Neustadt detaillierte Informationen: am 4. Juli 1933 konstatierte die lokale Sportbehörde die Auswechslung des gesamten Vorstandes, der jetzt vollständig mit NDSAP-Mitgliedern besetzt war, und daß fernerhin "bereits im März die Arierfrage gelöst" worden war. In einem Fall bahnte diese Lösung bereits den Weg zur schrecklichen "Endlösung": der gleich darauf inhaftierte langjährige Vorsitzende (von 1920 bis 1926) jüdische Bankdirektor Ludwig Altschüler verlor seine Direktorenstelle, wurde später deportiert und umgebracht; weil er mit einer Jüdin verheiratet war, wurde der katholische Weingutsbesitzer Anton Vogler, mehrfacher Clubmeister, "aus dem Verein hinausgeekelt."47 

Nach der vielfach gewaltsamen Einverleibung kleinerer Vereine in sogenannte "Großsportvereinen"48 bot sich den dortigen Vereinsführern Gelegenheit zu einer besonderen Form des Arbeitsdienstes, der obendrein noch Propagandazwecke erfüllte: die Schaffung neuer Tennisplätze durch die Eigenleistungen der Mitglieder, deren angebliche "Freiwilligkeit"49 aufgrund des latent gewordenen Ballmangels zu bezweifeln ist. Ebenso fragwürdig erscheint daher auch die "Kompromißbereitschaft", die der TC Wildbad Traben-Trarbach bei der Durchführung des Tennistrainings der HJ an den Tag legte.50 Spätestens seit 1938 nämlich mußten die Vereine ihren gesamten Vorrat an Bällen und Schläger bis zu vier Wochen lang für das HJ-Training zur Verfügung stellen.51 

Früh mußten die Neustädter Tennisspieler die militärsportlichen Präferenzen der Sportführung erkennen, als sie 1937 ihren Spielplatz an die Schützengesellschaft abtreten mußten.52 Wo es die baulichen Voraussetzungen und Mitgliederzahlen zuließen, wurde der Tennissport auch während des Krieges "auf ausdrücklichen Wunsch des Reichssportführers fortgesetzt:53 "Unsere Sportler sind Soldaten, auch wenn sie die Waffe nicht in der Hand tragen."54 Ehe im Frühjahr 1943 die Tennishallen für "wichtigere Zwecke" geräumt werden mußten,55 absolvierte der Mainzer Tennis- und Skiklub immer mal wieder einen Klubkampf in seiner Halle.56 

Noch im Januar 1943 rief der Reichsjugendführer die "HJ-Reichsleistungsklasse" zu einem Hallenlehrgang nach Wuppertal, wo die Jungen in ihren Trainingspausen "Fahnenlieder" singen und "schriftliche Arbeiten" erledigen mußten.57 Die Deutschen Jugendmeisterschaften wurden als offizielle "Kriegsmeisterschaften" bis 1943 nach Einberufung von jeweils 100 Jungen und Mädchen in Breslau ausgetragen. Reichssportführer von Tschammer unterstrich mit seiner persönlichen Anwesenheit 1942 ihre hohe Propagandabedeutung.58 Mit ebenso strenger Konsequenz wurden die nicht an der Front stehenden Soldaten zu "Deutschen Kriegsmeisterschaftenen" abkommandiert. 1942 kommentierte der Reichsausschuß triumphierend nach der Veranstaltung in Braunschweig: "Auch im Krieg hat sich die deutsche Tennismeisterschaft wieder bewährt."59 

Abb. 16    Deutsche Spitzenspieler mit Generalfeldmarschall Göring 1939 bei einemTurnier in Italien

Die Länderkämpfe wurden jetzt mit steigender Intensität gegen die politischen Verbündeten wie Spanien oder Italien ausgetragen,60 und die von Reichsfeldmarschall Göring durch Preisstiftungen geförderten Begegnungen mit Italien61 deuten darauf hin, daß die sportpolitische "Achse Berlin-Rom"62 von den Tennissportlern hervorragend unterstützt wurde, da noch bis Juni 1942 Länderkämpfe ausgetragen und im Mai gleichen Jahres eine Mannschaft zu den Weltjugendspielen nach Mailand geschickt wurde.63 
 
Aus dem heutigen rheinland-pfälzischen Gebiet wurden die besten jugendlichen Tennisspieler mehrfach zu Gaumeisterschaften und Gebietskämpfen einberufen, unter anderem gegen Baden Ende August 1942 (in Karlsruhe), möglicherweise auch zu dem am 14. September in Stuttgart zur Vorbereitung der Europameisterschaft in Mailand beginnenden Wochenlehrgang, an dem 40 Jugendliche teilnahmen.64

Unter Mithilfe des TC Speyer veranstaltete der Kreis 9 Ostpfalz 1941 seine Kriegsmeisterschaften in Ludwigshafen,65 während der Moselgau nach dem Einmarsch in Luxemburg seine Meisterschaften dorthin verlegte. Mitte August 1942 gewannen die beiden Koblenzerinnen Volkmann und Sains auf der Anlage des TC Kreutzgründchen Luxemburg die Gaumeister- und Vizemeisterschaft.66

Obwohl die NS-Sportführung die Frauen beim Tennisspiel nur in der veralteten Anmut und "Fraulichkeit" agieren lassen wollte, konnte sie sich doch nicht zur strikten Ablehnung von Wettkämpfen durchringen. Nach den Erfolgen von Cilly Aussem waren die mit kürzeren Röcken und freien Armen Racket schwingenden Frauen "in", so daß die Reichsfrauenwartin Hemmi Warminghof 1939, als "der Tennissport zahlenmäßig unter den Frauensportarten an zweiter Stelle " stand, die Teilnahme ihrer Damennationalmannschaft an einer Länderpokalserie gegen die Mannschaften von Ungarn, Jugoslawien und Polen durchsetzte. Zugleich verwies sie auf die von ihr abgeänderte Sportordnung des Fachamtes, "wonach das Tragen von "Shorts" möglichst zu vermeiden sei."67

Die anhaltende Wettkampfaktivität auf Reichs- und Gauebene konnte nicht über die krassen Spielbedingungen der allermeisten Vereine hinwegtäuschen. Der TC Frankenthal hatte sein gesamtes Vereinsgelände "zu militärischen Zwecken" abgeben müssen.68 In Speyer beendeten die Spieler um 1943 ihre Spiele, weil weder Sand für die Plätze, noch Bälle zu bekommen waren. 69 Nur in Trier spielten einige Aktive unverdrossen weiter, "täglich, sogar bei Fliegerbeschuß", bis man sie "vom Platz jagte."70