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Friedsam 3. DM-Erfolg: So schön, so befreiend, so wertvoll

Tiefe Erleichterung, große Freude, ehrliche Emotionen: Der Titelgewinn für Anna-Lena Friedsam bei den Deutschen Tennismeisterschaften 2018 in Biberach war nicht der größte Erfolg in der Karriere der jungen Rheinland-Pfälzerin – aber ein sehr besonderer. Die 24-Jährige kehrte in Biberach an der Riß nach fast einjähriger Verletzungspause – rechnet man die Schulteroperationen eins uns zwei zusammen, war Friedsam abzüglich weniger Monate im vergangenen Winter sogar fast zwei Jahre raus aus der Profitour – ins Turniergeschehen zurück. Und stand nach vier intensiven DM-Tagen als strahlende Siegerin ganz oben. Besser geht es nicht.

Tiefe Erleicherung und große Freude: Anna-Lena Friedsam und ihr Trainer Sascha Müller freuen sich über eine Rückkehr ins Turniergeschehen nach Maß. Fotos: Jürgen Hasenkopf/TVRP

„Es war einfach toll. Wenn man auf den Sommer zurückblickt liegt eine sehr harte Zeit hinter ihr und uns“, so ihr Trainer Sascha Müller. Diese Leistung sei eine besondere. „Es war nicht einfach für Anna-Lena bei der DM. Alle gucken auf sie und jeder erwartet auch etwas. Das hat sie super gemacht.“  Nach einem etwas verhaltenen Auftakt (6:2, 6:1 gegen die erst 15-jährige Julia Middendorf/TNB) mit vielen unerzwungenen Fehlern fand Anna-Lena Friedsam (TEC Waldau Stuttgart) immer besser rein. Die gebürtige Neuwiederin fand zunehmend ihren Rhythmus – zum einen auf dem extrem schnellen Belag, zum anderen was die Ralleys in den Matches betraf. Das 6:4, 6:3 gegen Katharina Gerlach (WTV) war ein Zwei-Satz-Sieg der sicheren Sorte, im Halbfinale wartete mit Lara Schmidt (STV) eine echte Herausforderung.

Die 19 Jahre junge Herausforderin – schon im Vorjahr unter den vier Besten - unterstrich, dass ihr das flotte Spiel in Biberach liegt. „Vor allem über ihre dominante Rückhand ist sie das Tempo stark mitgegangen, hat gut gekontert und war aggressiv“, berichtete Müller. Als Friedsam trotz 5:3-Führung und zweier Satzbälle bei 5:4 diesen Durchgang noch abgab, war der Coach gefragt. „Anna-Lena hat danach umgestellt und per Slice und über die Vorhand versucht, den Rhythmus der Gegnerin zu brechen.“ So bekam die an eins gesetzte Titelkandidatin, die bereist 2013 und 2015 Deutsche Meisterin wurde, immer stärkeren Zugriff auf das Match und machte per 6:7, 6:4, 6:0 den Finaleinzug perfekt. Noch eine Spur härter wurde die Partie gegen Antonia Lottner (BTV). Die Nummer zwei der Setzliste begann fokussiert und überzeugt. „Antonia hatte in den Ralleys anfangs mehr Ruhe“, beobachtete Müller. Doch sein Schützling legt zu. „Anna-Lena hat danach den Punkt in den Ballwechseln strukturierter aufgebaut und sich so auch Sicherheit geholt.“ Als der letzte Punkt zum 3:6, 6:1, 6:4-Triumph gespielt war, kamen erst das Lächeln und dann die Freudentränen. Dieser dritte DM-Titel war für Anna-Lena Friedsam der vielleicht emotionalste.

„Die ganze Anspannung, der ganze Ballast der vergangenen Monate ist abgefallen“, bestätigte Sascha Müller. „So eine Situation zerrt enorm an der Spielerin. Man macht sich Gedanken, was wird.“ Diese erfolgreiche Rückkehr auf die Tennisbühne gebe nun Sicherheit und Selbstvertrauen. Und die Gewissheit, dass die operierte rechte Schulter der Belastung von vier Matches in vier Tagen stand hält. „Das war schon alles sehr positiv.“ In den zwei Tagen nach dem Turniersieg nahm Anna-Lena Friedsam keinen Schläger in die Hand. Sie sei  völlig beschwerdefrei, aber verspüre eine für diese Umstände übliche Müdigkeit im Schlagarm. „Diesen Regenrationsprozess berücksichtigen wir bei allem, was wir machen“, versichert der Trainer. Schließlich trainiert Anna-Lena was das Tennisspiel angeht erst seit rund sieben Wochen wieder regelmäßig. Was Athletik und Fitness angehe „ist sie schon wieder gut dabei“.

Es gab noch mehr Grund zur Freude: Zwei Tage nach ihrem Erfolg in Biberach erfuhr Anna-Lena Friedsam, dass ihr Protected Ranking von ursprünglich sechs Turnieren 2019 auf zehn hoch gesetzt wurde. Die WTA habe für langwierige Verletzung eine neue Regelung mit entsprechender Anpassung dieser geschützten Weltranglistenposition vorgenommen. Müller: „Das war das I-Tüpfelchen. Es gibt uns einfach mehr Ruhe bei der Turnierplanung.“

Spielerin und Trainer jagen aktuell keinen Weltranglistenpunkten hinterher. Schritt für Schritt heißt das Prinzip. Die ehemalige Nummer 45 im WTA-Ranking - aktuell auf Position 558 - will sich der körperlichen wie mentalen Intensität auf der Profitour behutsam wieder nähern. Bei einer Hallenmedenrunde in Frankreich sammelte Friedsam in vier Ligaspielen erste Matchpraxis. Für Mitte Januar sind die ersten Auftritte bei kleineren ITF-Turnieren angedacht, die Protected Rankings sollen mit ein wenig mehr Matchpraxis eingesetzt werden. Im März wird ein erstes Zwischenfazit im Comeback-Zyklus gezogen. Vielleicht geht dann auch der Blick zurück zu den Deutschen Meisterschaften im Dezember 2018 – nicht der größte Erfolg in der Karriere der Anna-Lena Friedsam, aber ein sehr besonderer.